Ein echter Teufelskreis

Liebe Isabeau Wagner,

 

bei der Suche nach Hilfe bin ich auf dieser tollen Seite gelandet. Seit März diesen Jahres bin ich RB bei einer 11jährigen Hannoveraner Stute, deren Entwicklung nicht ganz positiv verläuft.

Die Geschichte der Stute ist die, dass die eigentliche Besitzerin (ein junges Mädchen) nach einem schweren Sturz nicht mehr reitet und Angst vor dem eigenen Pferd hat. Die Familie bemüht sich liebevoll und intensiv, nur leider ist keiner da, der die Stute vernünftig reitet und erzieht.

So kam es zu einer Odysee an RBs, die diesem ängstlichen und gleichzeitig starken Stütchen kaum Ruhe gaben, da ständig Wechsel.

Sie lernte sich mit respektlosem Verhalten durchzusetzen.

 

Zu Beginn startet es sehr gut zwischen uns beiden und ich war wirklich begeistert von der Stute. Inzwischen prägt Angst und mangelndes Vertrauen unseren Alltat. Ich hatte festgestellt, dass die Stute Satteldruck und einige Blockaden hat, woraufhin sie gesundheitlich von einem Osteopathen behandelt wurde und nun auch der Sattel angepasst wird.

Leider mehren sich die unschönen Situationen mit der Stute und ich möchte auf keinen Fall aufgeben, da ich fest daran glaube, dass man das in den Griff bekommt:

Die Stute tritt schon beim Putzen nach einem - auch nach dem Besitzer. Und schnappt, weil sie immer nur mit Leckerlies gefüttert wurde. Konnte man sie zu Beginn noch einigermaßen reiten (Buckeln beim Angaloppieren fiel mir direkt auf) so endete es letztlich damit, dass sie einen im Galopp runterbuckelte (aufgrund von Schmerzen und Satteldruck wie oben beschrieben).

 

Ich habe versucht, im Roundpen ein Join-up mit ihr zu machen, was bei allen Pferden, die ich bisher geritten habe (und meinem eigenen bestens funktionierte) , woraufhin sie versuchte, mich umzurennen und im vollen Galopp nach mir getreten hat?!?!?

Schon wenn man sie aus der Box holt, legt sie die Ohren an und beginnt mit der Abwehrhaltung. Nach einiger Zeit und genügend "Todesmut" legt sich das Verhalten, wenn man sehr konsequent ist, aber insgesamt baut sich beim Pferd, genauso wie bei mir(und auch den anderen), eine Angst-und-kein-gegenseitiges-Vertrauen-Haltung auf.

 

Ein echter Teufelskreis, den ich gerne im Sinne des Pferdes beenden möchte. Ich bin immer wieder kurz davor, die RB aufzugeben, denke aber, dass dann das Pferd nur noch auf sich selbst gestellt ist, da keiner mehr richtig "dran arbeitet" und irgendwann wird es heißen: Das nützt alles ncihts, die Enkelin reitet ehe nicht, also was soll man noch mit dem Pferd?

 

Ich weiß ja nicht, ob Sie auch im ... -Umland tätig sind, es wäre aber schön, wenn ich der Besitzerfamilie proaktiv vorschlagen könnte, sich auf Ihre Hilfe gemeinsam mit mir einzulassen. Denn in meinen Augen gibt es eigentlich keine aggressiven Pferde, nur überforderte Menschen und an dem Punkt sind wir wohl - leider.

Herzlichen Gruß

 

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Hallo Frau  J.,

die Situation ist tatsächlich akut und bereits zu einem gewissen Grad gefährlich geworden, was Sie ja auch zum Ausdruck bringen, wenn Sie schreiben : "Angst-und-kein-gegenseitiges-Vertrauen-Haltung". Leider gibt es auch aggressive Pferde zusammen mit überforderten Menschen.

 

Sie haben die Situation, die dazu beitrug, dass alles so ist, wie es ist, recht gut erkannt, wenn Sie schreiben, dass verschiedene Wechsel an RBs "... diesem ängstlichen und gleichzeitig starken Stütchen kaum Ruhe gaben, da ständige Wechsel. Sie lernte sich mit respektlosem Verhalten durchzusetzen."

 

Frau J., vielerorts wird unterschätzt, wie zerbrechlich die Psyche eines jungen Pferdes auf der einen Seite ist und wie stark diese Psyche auf der anderen Seite sein kann. Letztendlich dreht sich bei Pferden alles um  Verstehen und Lernen. Während dieses Prozesses soll das junge Pferd lernen - über den Instinkt wohlgemerkt - von der Gruppe Pferd zur Gruppe Mensch zu "wechseln". Das ist möglich, und zwar mit Hilfe über die  Arbeit mit dem  Instinktes des Pferdes.

Hierauf baut ja "horsemanship" im Allgemeinen auf.

 

Passiert dieses Lernen ZU SCHNELL, gibt man dem Pferd keine Möglichkeit von Ruhe oder "Verdauen", "Sacken lassen", ( Lernen, Vertehen, individuelles Lerntempo berücksichtigen und Abwechsluch, immer unterstützend) , dann baut ein Pferd immensen Druck auf. Innerlich. Dieser "Druck" kommt also vom "Nicht-Verstehen" - also die Umwelt und das, was drumherum passiert, nicht wirklich verstehen. Die Menschen und das, was passiert, machen für das Pferd keinen Sinn mehr. In diesem Stadium schaltet das Gehirn des Pferdes auf einen fast 60.000.000 Jahre alten Mechanismus: Der Schalter im Gehirn legt sich um auf: "Überleben". Und das bedeutet:

 

Ab jetzt tut das Pferd nur noch die Dinge, die eine Garantie für sein Überleben sind. Es definiert quasi seine eigenen Regeln, um somit die erwünschte Ruhe zu erhalten. Wenn es also lernt, durch Tritte, Knappen, Buckeln und rüpelhaftes Verhalten seine Ruhe zu bekommen, dann hat alles richtig funktioniert. Leider.

 

Ich fasse hier das Wichtigste zusammen:

- alle an einem Strang ziehen!

- die Stute in kleinen Schritten arbeiten und viel bestätigen und loben

- KEINE Leckerlies aus der Hand

- nach einem Stirn-touch mit dem Pferd für eine gewisse Zeit nicht sprechen und vor allen Dingen nicht berühren. Warten und nach einigen Minuten normal weitermachen.

- Buckeln: Das Thema "buckeln" wird oft missverstanden. Wenn das Pferd buckelt - vorausgesetzt, es hat keine körperlichen Schmerzen und der Sattel ist in Ordnung - dann sagt das Pferd mit dieser Körpersprache, dass es nicht verstanden hat, was der Reiter will. Es hat die reiterlichen Hilfen nicht verstanden!

In dem Moment, wo das klar wird, hört ein Pferd mit dem Buckeln auf.

- Thema "bestätigen" beim Putzen: vorsichtig in kleinen Schritten starten. Mit der einen Hand auf dem Widerrist bleiben und Berührung aufrecht halten (Sicherheitsabstand, falls Tritt folgen sollte) und die Hand erst vom Pferd nehmen, wenn die Stute ruhig und still steht. Berührung vom Pferd wegnehmen = das Pferd darin bestätigen, ruhig und still zu stehen.

 

Wird vorher losgelassen, z.B. während die Stute hin und her tänzelt, dann bestätigt man dieses unruhige Verhalten. Die Stute wird sich vermutlich immer mehr und immer mehr anstrengen beim Putzen zu zappeln, um zu zeigen, dass sie verstanden hat, genau dies zu tun. Der Grund hier in diesem Beispiel: Schlechtes Timing der Person, die mit dem Pferd umgeht.

 

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Horsemanship TH-Wagner

Bo Wagner

 

 

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