Auf dem Platz eine Katastrophe

Hallo,

ich bin 17 Jahre alt und habe seit 4 Jahren einen Isländerwallach (Imos), der jetzt 10 Jahre alt ist. Mittlerweile weiß ich nicht mehr so ganz, was ich mit ihm machen soll, oder was ich noch anders machen kann, damit ich besser mit ihm klar komme.

 

Als ich ihn bekam, war er 6 Jahre alt und 1 Jahr unterm Sattel. Bis dahin wurde er fast ausschließlich Distanz gerittten. Das Problem ist, dass er sehr, sehr gerne rennt, bzw. durchgeht. Das ist immer besser geworden, auch durch die Hilfe meiner Reitlehrerin, aber trotzdem nicht wirklich weg. Imos ist sehr sensibel, allerdings weiß ich nie genau, wie ich sein Verhalten deuten soll oder was ich machen kann.

 

Er ließ sich von Anfang an sehr schlecht einfangen, also er läuft vor einem weg und wenn man es dann doch schafft, an ihn dran zu kommen, dann steht er da, meistens mit eingeklemmten Schweif, hoher Kopfhaltung und den Kopf leicht von einem abgewendet.

 

Wenn man einen richtig schlechten Tag erwischt hat, zittert er auch manchmal. Inzwischen macht er das bei mir aber fast gar nicht mehr. Im Winter lässt er sich ohne Probleme einfangen, aber sobalt er mehrere Tage hintereinander dann auf der Wiese ist, wird es immer schlechter. Mir gegenüber ist es jetzt so, dass ich auf die Wiese komme, um ihn einzufangen fürs Reiten oder so, und er mir dann entgegenwiehert, ein bisschen wartet, sich umdreht und weggeht, bis ans Ende der Wiese.

 

Meistens gehrt er in einem 2 bis 3 Meter Abstand. Einfangen kann man ihn grundsätzlich nur von links und wenn man sich von seinem Rücken aus seinem Kopf nähert. Manchmal läuft er auch vor mir weg und wiehert dabei noch, ich weiß nicht so ganz, was das bedeuten soll, aber ich fühl' mich dann so als würde er mich .....

Ab und zu hat er desöfteren jetzt auch das Verhalten gezeigt, dass, wenn ich auf die Wiese kam und ihn einfangen wollte, er weggegangen ist und dabei die Ohren angelegt hatte, den Schweif eingeklemmt, die Augen so, dass man etwas das Weiße sieht und den Hals so gebeugt, dass der Kopf in der Senkrechten war. Was er damit ausdrücken will, weiß ich leider gar nicht, da ich auch das Gefühl hatte, dass er, wenn es sein muss, auch nach mir treten würde. Deshalb würde ich es, wenn auch als respektlos deuten, aber das ist nur eine Vermutung.

 

Beim Reiten ist er sehr unruhig, geht schnell und ist unkonzentriert. Ich reite ihn eigentlich nur noch allein im Gelände, weil er dann ruhiger ist. Da ist es an dem einen Tag so, dass er super geht im Schritt, super im Tölt und auch gut galoppiert, also ohne richtig stark loszurasen.

 

Im Gelände ist er ab und zu der Meinung, dass, wenn wir einen Weg vielleicht zweimal hochgaloppiert sind, wir das dritte mal da bestimmt auch so hochreiten und er dann schon vvorher einfach mal angaloppiert.

Wenn ich es dann schaffe, ihn zurückzuhalten, kommt dann die Situation, dass es nur noch heißt: entweder im Galopp vorwärts oder rückwärts. Inzwischen versuche ich mich darüber nicht so stark aufzuregen und steige dann einfach ab und führe ihn den Weg hoch und wieder runter, und richte ihn rückwärts und trabe den Weg hoch (alles an der Hand). Wenn ich das gemacht habe, ist er brav, als wäre nichts gewesen und geht den Weg im Schritt hoch.

 

Auf dem Platz ist alles eine Katastrophe. Im Schritt geht er unruhig und schnell, stehenbleiben ist nur für 3 Sekunden möglich und Trab und Galopp funktionieren gar nicht (Trab hat schon mal sehr gut funktioniert und dann auf einmal ging es gar nicht mehr und wir waren wieder am Anfang).

 

Meine Reitlehrerin hat mir jetzt gesagt, ich soll mal versuchen, meine Hüfte beim Reiten möglichst sehr gering zu bewegen, damit er ruhiger geht und sich auch mehr auf mich konzentriert. Das ganze klappt ganz gut, nur dass er nicht ruhiger wird, sondern nur besser aufpasst.

 

Was ich noch sagten sollte, ist, dass Imos wirklich nicht gerade dumm ist, also ich kann mit ihm ca. 3 mal hintereinander die gleiche Übung machen und beim 4 Mal will er sie von alleine machen und kann sie dann meistens auch schon sehr gut. Das heißt, er langweilt sich sehr schnell und hört auf, sich zu konzentrieren.

Manchmal denke ich, dass sein Verhalten mir gegenüber nicht mehr wirklich aus der Angst vor dem Menschen ist (was es am Anfang wirklich war), sondern eher aus zu wenig Vertrauen mir gegenüber und zu wenig Respekt. Ich weiß gar nicht, wie ich ihm das vermitteln kann, denn wenn ich mal etwas strenger mit ihm umgehe, dann reagiert er gleich mit Anspannung und zittern.

 

Tut mir wirklich sehr leid, für diesen sehr langen Text, nur ich weiß langsam nicht mehr, was ich mit ihm noch machen soll, damit es besser wird und deshalb habe ich mir gedacht, ich könnte Ihnen...., denn mir hat Ihre Internetseite sehr gefallen...

 

 

Hallo Miriam,

   ...   bis dahin versuche ich alle deine Informationen zu strukturieren und dann ...

Eines scheint mir aber jetzt bereits ersichtlich zu sein. Alles, was Imos erlebt, ist noch nicht konform mit seinem tatsächlichen Lerntempo.

 

Gerade bei Pferden, die eine entgegenkommende Auffassungsgabe haben, machen Halter und Reiter oft den "Fehler", das Pferd zu überfordern, weil man denkt, es hat verstanden, was es tun soll. Und genau da liegt der Haken!

 

Meistens sind es gerade diese Pferde, die etwas Vorwegnehmen, aber in Wirklichkeit noch am Verdauen eines Gedanken- oder Lernprozesses sind. Das äußert sich dann darin, dass letztendlich die Dinge doch nicht wirklich so ausgeführt werden, wie man das als Reiter oder Halter eigentlich wollte und man langfristig immer noch unzufrieden ist.

 

Ein typisches Beispiel von dir dafür:

"... dass Imos wirklich nicht gerade dumm ist, also ich kann mit ihm ca. 3 Mal hintereinander die gleiche Übung machen und beim 4. Mal will er sie von allein machen und kann sie dann meistens auch schon sehr gut."

 

Das sind genau die Verhaltensmuster, bei denen man aufpassen muss!

Denn jetzt käme meine Frage: Bleibt es denn auch dabei, dass Imos von da ab diese Übung immer korrekt ausführt, oder klappt es beim 7. und 8. Mal dann wieder nicht? Ein typisches Beispiel dafür, dass ein Pferd noch nicht wirklich verstanden hat, was verlangt wird!

 

Es probiert noch aus, zu verstehen, er bietet dem Reiter viele Möglichkeiten an, um selbst wirklich zu verstehen, was es machen soll. Das ist die Art und Weise, wie Pferde lernen und verstehen.

Erst, wenn eine Übung in der deutlich mehrfachen Wiederholung klappt, können wir davon ausgehen, dass das Pferd verstanden hat, was es tun soll.

 

Irgendwie scheint Imos keinen Respekt zu haben, auch keine geistige "Ruhe".

Und das scheint das Hauptthema bei Imos zu sein. Ruhe und Balance (Ausgeglichenheit).

 

Ich werde deine Informationen wie einen Knoten auseinanderziehen und meinen ersten Eindruck vertiefen. Die Situation ist auf jeden Fall recht komplex.

Mir wäre es fast lieber, wenn ich bei euch vor Ort sein könnte, aber vielleicht kann ich dir mit einiger  Anleitung weiterhelfen, bzw. kann dir sagen, was du machen kannst, um ihn in seinem Lerntempo zu unterstützen - und - was du nicht machen solltest, damit du ihn nicht weiter verwirrst - und - wie Imos Ruhe finden kann, um ausgeglichener zu werden.

 

Ganz liebe Grüße

 

 

 

Mareike,

hier die Zusammenfassung unseres....

Die Fragen:

Kannst du körperliche Beschwerden/Schmerzen ausschließen?

Sind seine Hufe in Ordnung?

Passt sein Sattel?

Zähne in Ordnung?

 

- Gelände: Schritt und Tölt - vorerst kein Galopp

- Fokus auf mehr Loben

- Achtung Kopf! Sollte ruhig sein und nicht hin und her / hoch und runter/ rechts und links...

-Kein Rückwärtsrichten!!! Das ist tabu! Merke: Vorwärts ist die Devise bei Imos

- Rezidive berücksichtigen: Freundlich bleiben, aber konsequent "am Ball" bleiben.

- Schulterherein anfangen. Vom Boder oder vom Sattel aus. Durch das Schulterherein lernt Imos mit Tragkraft zu arbeiten anstelle mit Schubkraft. Das heißt, er wird anfangen, in den Gangarten "langsamer" zu werden.

- Bist du mal genervt, dann gilt: Nicht Reiten! Vorchlag meinerseits: Einen Boxsack rausholen und sich erstmal Luft machen :). Alles andere auf den nächsten Tag verschieben.

- Intention - Emotion: Zuerst von dir zu Imos. Wenn sich Imos sicher ist, wenn er genügend Vertrauen entwickelt hat, dann von ihm zu dir zurück. So funktioniert die "Brücke" Mensch-Pferd!!

 

Liebe Mareike, ich drücke dir ganz fest die Daumen für deine Geduld und die Zeit, die du investieren musst - die Imos braucht. Aber bedenke: Auch wenn es in dieser Phase nicht immer reibungslos zugeht - jeder Moment wird es Wert sein.

 

Viele Grüße,

 

Horsemanship TH-Wagner

Bo Wagner

 

 

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